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Samstag, 18. Dezember 2010

Apostasie

Ein Umfrage der FR hat hier Schätzungen für die Kirchenaustritte 2010 ergeben.  Der Artikel kolportiert nur die üblichen Ressentiments gegen die katholische Kirche und man kann ihn sich imho sparen, die Zahlen sind dagegen interessant. In der Diözese Augsburg wären demnach 4400 Katholiken mehr als im Jahr davor aus der staatlichen Körperschaft des öffentlichen Rechts 'Kirche' ausgetreten, in der fälschlichen Annahme, sie treten damit aus der Kirche aus.

Ich bin erstaunt, wie klein die Zahl der 'Kirchenaustreter' im Endeffekt ist. Ich habe dieses Frühjahr die Vorgänge um S. E. Bischof Dr. Walter Mixa aus relativer Nähe miterlebt und die monatelange -ich sage das jetzt bewusst- hasserfüllte und lügnerische Berichterstattung der örtlichen AZ wie überörtliche SZ hat scheinbar weniger Eindruck hinterlassen, als gedacht. Nur 4400 Austritte mehr als im Jahr davor bei einer 'Sollstärke' von fast 2 Millionen Katholiken in der Diözese Augsburg, ist nicht besonders viel. Das spielt sich doch wohl alles noch im Promille-Bereich ab.

Die Behauptung der FR oder auch ZEIT,  all diese Menschen wären wegen der aufgedeckte Skandale oder wegen Bischof Walter aus der Kirche 'ausgetreten', halt ich allerdings für ein Denkfehler.

Ich war selber diesen Mai bei einer Veranstaltung der selbsterklärten 'Reformer' und Pfingsterklärer in Augsburg und habe dort wirklich eine Diözese des Grauens erlebt. Priester, die -auch wieder bewusst gesagt- vor lauter Geifer über ihren damals gerade abgesägten Bischof kaum noch Luft zum atmen hatten, offizielle kirchliche Podiumsdiskussionen, die sich fast nur in Rufmord und übler Nachrede ergangen haben, ein Publikum, das durch die mediale Berichterstattung richtiggehend aufgeheizt war und vieles mehr.

Ich kenne natürlich nicht die 'Wahrheit' über S. E. Mixa. Ich weiß allerdings das dort, wo Anschuldigungen wie der 'Missbrauch' eines Ministranten aus seiner Zeit als Stadtpfarrer in Schrobenhausen wirklich konkret untersucht worden ist, die Beschuldigungen in sich zusammengefallen sind wie ein Hefeteig. Das hat die örtliche AZ aber nicht daran gehindert, sofort neuen Beschuldigungen via Schlagzeile in die Welt zu setzen.

Das Prinzip ist: Dreck schleudern und irgendwas bleibt schon hängen.

Ich bin in diesem Jahr über unseren Umgang innerhalb der Kirche nur noch entsetzt. So etwas Übles wie die Vorgänge bei der Absetzung des Augsburger Bischofs hätte ich bis vor kurzem für unmöglich gehalten. Zumindest nicht in der Kirche.. Aber leider ist das so. Und irgendwann habe ich mir auch mal die Frage gestellt, ob ich eigentlich 'so' einem Verein angehören möchte. Und viele andere, mit denen ich gesprochen habe, ging es genauso.

Das waren alles Leute, die Kirche nicht als den Ort betrachten, ihren selbst zusammen gebastelteten Glauben auszuleben, sondern in der vom HERRN gegründeten Gemeinschaft ihren Lebensweg als Teil SEINES Leibes gehen wollen. Und die sich ernsthaft fragen, ob das in der real existierenden deutsch-katholischen Kirche überhaupt noch möglich ist.

Antwort drauf ist schwierig. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich seit diesem Frühsommer meine ehrenamtliche Mitarbeit in meiner 'normalen' Gemeinde eingestellt habe. Ich muss gestehen, ich hab's einfach nicht mehr ertragen, dass praktisch jede Begegnung, jedes Gespräch sich in kürzester Zeit in üble Nachrede, Rufmord, Hetze, Niedertracht und Ressentiments gegen die Kirche und ihren Hirten ergangen hat. Bin vielleicht einfach nur ein Autoritäts-fixierter Neurotiker oder so etwas, aber good or bad, my church. Ich habe Beispielsweise nie verstanden, warum man unbedingt bei etwas dabei sein will, wenn man im Endeffekt nur furchtbar unglücklich darüber ist. Und wenn ich als ganz normaler ehrenamtlicher Katholik in einem ganzen Raum voll von Religionslehrern, Pfarrern, Diakone und was-weiß-ich der einzige bin, der die Kirche überhaupt noch verteidigt, dann läuft irgendwas vollkommen schief.

Ich meine, man kann ja gegen Kirche, Bischof & Papst sein und so weiter, aber wenn man von der Kirche üppig bezahlt wird, dann sollte man sich irgendwann doch schon mal fragen, ob man vielleicht dort nicht in einem gewissen Loyalitätskonflikt steht. Umgekehrt ist es in Augsburg so, wer gewissermassen treu an der Seite von Bischof Mixa stand, ist inzwischen gegangen worden. Alles das ist nicht meine Welt. Und auch nicht mein Weg.

Ich frage mich also, ob nicht unter den 'Kirchenaustretern' viele sind, die einfach den Weg, den unsere Kirche gerade geht, für so falsch hält, dass sie ihn nicht mitgehen wollen.

Kommentare:

Astrid hat gesagt…

Ich finde es immer wieder traurig, zu sehen, welch kalter Wind der Kirche gerade aus ihren eigenen Reihen entgegenweht. Auch wenn jeder der "austritt" natürlich einer zu viel ist, bin ich mittlerweile doch froh, wenn die Leute wenigstens so fair sind, zu gehen, wenn sie nicht zur Kirche stehen. Diejenigen, die dann trotzdem bleiben und das Herumtrampeln auf der Kirche für ihre Selbstdarstellung brauchen, geben ein ganz jämmerliches Bild ab.

Benjamin Benoni hat gesagt…

@Astrid

Ja, ich seh's genauso. Die 'typische' katholische Kirchengemeinde wirkt auf Außenstehende leider auch deswegen so befremdlich, weil wir Katholiken uns scheinbar ständig an irgendwas abarbeiten müssen. Die einen gegen Papst & Zölibat, die anderen gegen Stuhlkreis mit gestalteter Mitte und so weiter. Ich geb's zu, ich bin in dem Punkt auch nicht viel besser, aber zumindest merke ich es noch und gehe dann nicht jedem auf den Wecker.

In dem Sinne wünsche ich dir einen wunderbaren 4. Advent hin zum Fest der Geburt des menschgewordenen Gottessohnes in guter Gemeinschaft.

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