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Donnerstag, 2. Dezember 2010

Ne irascáris Dómine Teil I

Johannes hat hier sehr schön die Frage aufgeworfen, warum eigentlich der Hymnus Ne irascáris Dómine heutzutage weder im Gotteslob noch sonst einem offiziellem liturgischen Buch der katholischen Kirche zu finden ist. 


Der Text findet sich hier in der Wikipedia-Version Lateinisch/Deutsch, in Grün der Versuch einer eher wörtlichen Übersetzung und in Schwarz die eine oder andere Anmerkung dazu:


Ne irascáris Dómine,
ne ultra memíneris iniquitátis:
ecce cívitas Sáncti fácta est desérta:
Síon desérta fácta est:
Jerúsalem desoláta est:
dómus sanctificatiónis túæ et glóriæ túæ,
ubi laudavérunt te pátres nóstri.

Zürne nicht länger, Herr,
nicht länger gedenke unserer Missetaten.
Siehe, die Heilige Stadt ist zur Wüste geworden,
Sion ist zur Wüste geworden.
Jerusalem ist verödet,
das Haus Deiner Heiligung und Deiner Herrlichkeit,
wo Dich gepriesen haben unsere Väter.

Nicht zürne, Herr, 

nicht weiter gedenke der Sünde:
Siehe die Stadt des Heiligtums ist verlassen worden,
Sion ist verlassen worden,
Jerusalem ist verödet.
Das Haus deiner Heiligkeit und deines Ruhms,
wo dich gelobt haben unsere Väter.

*iniquitás* bedeutet wörtlich 'Unebenheit'. Hier ist wohl eher nicht eine falsche Handlung gemeint [=Missetat], sondern ein grundsätzlicher, quasi 'struktureller' Fehler. 'Sünde' im Sg. trifft es wohl besser, wobei natürlich die Frage ist, was meint eigentlich 'Sünde' im alttestamentarischen Sinn?

*cívitas Sáncti* kann die 'Stadt des Heiligtums' oder die 'Stadt des Heiligen' meinen, 'heilige Stadt' ist die falsche Assoziation. Nicht die Stadt selbst ist heilig, sondern die Stadt enthält etwas Heiliges und wird somit geheiligt.

Der Unterschied besteht darin, das die Wikipedia *deserta* als Substantiv Pl. *deserta,- orum* mit 'Wüste' übersetzt. Stehen tut da aber imho Fem.Sg. von *desertus* im Bezug auf *cívitas Sáncti*, d.h. nicht die Stadt ist eine Wüste, sondern sie wurde verlassen, nämlich vom 'Heiligen'. 


Im Deutschen lässt sich das kaum wiedergeben. Gemeint ist wohl eher nicht die 'Verwüstung' Jerusalems -die wird im nächsten Vers mit *Jerúsalem desoláta est* ausgedrückt-, sondern der Untergang des zweiten Tempel und mithin eine Gottverlassenheit. Und das in einem _christlichen_ Hymnus, beachtlich!

Peccávimus, et fácti súmus tamquam immúndi nos,
et cecídimus quasi fólium univérsi:
et iniquitátes nóstræ quasi véntus abstulérunt nos:
abscondísti faciem túam a nóbis,
et allisísti nos in mánu iniquitátis nóstræ.

Wir haben gesündigt und sind unrein geworden
und sind gefallen wie ein Blatt,
und unsere Missetaten haben uns wie der Wind fortgetragen.
Du hast Dein Antlitz verborgen vor uns
und uns zerschmettert durch die Wucht unserer Schuld.


Wir haben gesündigt und sind geworden wie ein Unreiner,
und sind gefallen wie ein Blatt,
und unsere Sünden haben uns wie Wind weggetragen.
Verborgen hast du dein Antlitz vor uns,
und uns  gestossen, die wir im Lohn unsere Sünde waren.




*In manu* kann 'als Lohn' bedeuten, also etwas 'in die Hand legen'. Die Sequenz zitiert hier wörtlich aus Isaiah 64, 6-7 [die Vulgata ist um ein Vers verschoben, Vulgata Isaiah 64, 7 entspricht Schlachter Jesaja 64, 6 und so weiter]. 

Die Elberfelder übersetzt hier: 'Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und uns dahingegeben in die Gewalt unserer Missetaten.'

Die Schlachter -meine persönliche Lieblingsübersetzung- sagt: 'Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und uns preisgegeben wegen unserer Sünden'.

Persönlich tendiere ich dazu, dass die Schlachter den _Sinn_ dieser Stelle besser erfasst. 

Víde Dómine afflictiónem pópuli túi,
et mítte quem missúrus es:
emítte Agnum dominatórem térræ,
de Pétra desérti ad móntem fíliæ Síon:
ut áuferat ípse júgum captivitátis nóstræ.

Sieh an, Herr, die Betrübnis Deines Volkes,
und sende, den Du senden willst.
Sende aus das Lamm, den Beherrscher der Erde,
vom Felsen der Wüste zum Berg der Tochter Zion,
dass es hinwegnehme das Joch unserer Knechtschaft.


Sieh Herr, die Betrübnis Deines Volkes, 
und sende, den zu senden Du senden willst.
Sende aus das Lamm, als Beherrscher der Erde.
vom Petra in der Wüste zum Berg der Tochter Sions, 
dass ER hinwegnehme das Joch unserer Gefangenschaft.

*Petra* bedeutet zwar 'Fels', gemeint ist aber wohl eher die Stadt in der Wüste. 'Fels in der Wüste' ergibt keinen Sinn. _So_ wie es da steht ergibt es zwar auch nur a bisserl mehr Sinn, aber immerhin.

*Ipse* mit 'es' zu Übersetzen ist hier an der Stelle schwach. Gemeint ist nicht ein Lamm, dass etwas wegnimmt oder beherrscht, sondern natürlich ER. 

Consolámini, consolámini, pópule méus:
cito véniet sálus túa:
quare mæróre consúmeris,
quia innovávit te dólor?
Salvábo te, nóli timére,
égo enim sum Dóminus Déus túus,
Sánctus Israël, Redémptor túus.

Ihr werdet getröstet, ihr werdet getröstet, mein Volk!
Bald wird kommen Dein Heil.
Warum verzehrst Du Dich in Trauer,
weil sich erneuert hat dein Schmerz?
Ich werde Dich retten, fürchte Dich nicht.
Denn ich bin der Herr, Dein Gott,
der Heilige Israels, Dein Erlöser.



Ihr werdet getröstet, ihr werdet getröstet mein Volk! 
Bald wird kommen Dein Heil. 
Warum verzehrst Du Dich in Trauer?
daß neu in dich gekehrt ist der Schmerz? 
Ich werde Dich retten, fürchte Dich nicht.
Denn ich bin der Herr, Dein Gott, 
der Heilige Israels, Dein Erlöser.

1 Kommentar:

Stanislaus hat gesagt…

Dieser Text wird bisweilen noch als Verse zwischen der Antiphon "Rorate caeli" gesungen. Im Kölner Anhang des Gotteslob ist die deutsche Übersetzung in diesem Kontext noch erhalten (GL 836).

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