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Sonntag, 5. Dezember 2010

Ne irascáris Dómine Teil II

Heute hat's hier richtiges Grau-in-Grau-schmuddel-Matsch-Wetter. Der Schnee von der Woche schmilzt zusammen und alles trieft vor Nässe. Bin mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause gekommen. Muss dabei ein langes Stück durch den Wald und der Weg hat sich angefühlt, wie durch Sirup zu fahren. Eine gute Stimmung, um noch mal auf den adventlichen Hymnus 'Ne irascáris Dómine' zurückzukommen


Der Wechselgesang zitiert wörtlich aus der lateinischen Vulgata, etwa 'Jerúsalem desoláta est' aus Isaiah 64,10. Daher muss der Text logischerweise nach 385 n. Chr. entstanden sein. Im allgemeinen wird er Aurelius Prudentius Clemens zugeschrieben und um 400 n. Chr. datiert. Es ist unzweifelhaft ein christlicher Hymnus, der fast 1600 Jahre lang ein festen Platz in der katholischen Liturgie hatte. So um 1970 ist er aus Gesangsbücher & Liturgie verschwunden und wird heutzutage höchstens noch konzertant aufgeführt. Zur 'Kunst' erklärt kann man das Anstößige aus 'Ne irascáris Dómine' wohl leichter ertragen.


Worin besteht nun das Ärgernis des Hymnus'? 'Ne irascáris Dómine' zitiert aus dem 64 Kapitel des Propheten Jesaja [ישעיהו] das Klagelied über die zukünftige Verlorenheit des Volkes Israel im babylonischen Exil [historisch-kritisch gedacht schreibt hier selbstverständlich Pseudo-Jesaja lediglich im Rückblick über das Elend der babylonische Gefangenschaft und so weiter, aber lassen wir das mal außen vor]. 


Das ganze ist das Ergebnis der *iniquitatis* des Volkes. Was schon mal schwierig zu verstehen ist. Weil's dabei wohl eher nicht um die individuellen Untaten einzelner geht, sondern um Sünde, Unreinheit und Untreue, d.h. alles mögliche, was heute nicht mal mehr im Ansatz verstanden geschweige denn nachvollzogen werden kann.


Was ist Sünde? Und warum fühlt sich der Hymnenschreiber durch diese Schuld 'et allisísti nos in mánu iniquitátis nóstræ', d.h. zerschmettert durch den Lohn unserer Sünde? Ein seltsamer Gedanke; nicht einfach so ist das Unglück & Elend über das Volk gekommen, sondern das hatte einen _Grund_. 


'Rorate caeli desuper' ist der Kehrvers zu 'Ne irascáris Dómine' und wird als Solovers immer noch gerne gesungen, klingt ja auch herrlich poetisch. 'Tauet, ihr Himmel, von oben herab', ein wunderbares Bild, der graue und verschlossene Himmel öffnet sich und es regnet von oben aus den Wolken 'Gerechtigkeit' ... ähm moment mal, warum eigentlich 'Gerechtigkeit'?


'Rorate caeli desuper, et nubes pluant iustum' ist ein Zitat aus dem 45. Kapitel im Buch Jesaia an und zugleich der Eröffnungsvers zum 4. Adventssonntag. Im Hebräischen ist da von *צדקה[sädäq]* die Rede, also der Gerechtigkeit und entsprechend verwendet auch die griechische Septuaginta den Begriff *Δικαιοσύνη[dikaiosynä]* (='Gerechtigkeit'), während Hieronymus den Begriff in seiner lateinischen Bibelübersetzung mit *iustum* wiedergibt, also 'den Gerechten'. Aus der hebräischen _Gerechtigkeit_ wurde im Lateinischen die Person _des Gerechten_.


Jesaja wurde seit den ersten Tagen der Christenheit immer messianisch gedeutet und die Gerechtigkeit mit dem kommendem Herrn gleichgesetzt, etwa bei Paulus in 1 Kor 1,30Bei Jesaja dürstet das gebeutelte Volk nach Gerechtigkeit & dem Antlitz Gottes wie ausgetrocknete Erde nach dem Morgentau. Bei Hieronymus ist dieser Morgentau nun keine abstrakte Wunschvorstellung mehr, sondern wurde Mensch und ist Jesus Christus als Inkarnation der Gerechtigkeit selber.


Nur: Was eigentlich *צדקה[sädäq]* bedeutet, verstehen wir trotzdem nicht mehr. Durch 40 Jahren liberaler Theologie hat sich wesentliches im Glaubensverständnis verflüchtigt wie Morgentau in der Mittagssonne. Schwups, einfach so weg. Wenn von 'Gerechtigkeit' im AT die Rede ist, meint das sowohl Bundestreue Gottes, als auch äußerer Gehorsam und innere Zustimmung des Menschen zur Ordnung Gottes, wie es im Gesetz zum Ausdruck kommt.


Hat uns das jemals jemand erklärt?


Erinnere ich mich etwa an meinen eigenen Religionsunterricht, haben wir natürlich schon mal über 'Gerechtigkeit' geredet: Wir müssen teilen und an die armen Menschen in Lateinamerika & Afrika denken blabla Rhabarber Rhabarber und die USA sind die Oberausbeuter und böseböseböse und so weiter. Halt das übliche.


Über *צדקה[sädäq]* hat uns nie jemand was erzählt. Wie überhaupt ich den Eindruck habe, alles was mit wirklicher Wurzel zu tun hat, wird von der liberalen Theologie versteckt & verheimlicht. Das 'Ne irascáris Dómine' habe ich diese Woche zum ersten mal in einer hl. Messe gehört und gesungen. Das es innerhalb der katholischen Kirche eine eigene jüdische Tradition gibt, die liturgisch mindestens 1600 Jahre gepflegt worden ist, war mir bis vor kurzem gar nicht bewusst. Das ist ein ganzer Schatz, den man uns verheimlicht hat.


Macht mich a bisserl wütend. 







Kommentare:

Tiberius hat gesagt…

Geht mir ebenso!

Benjamin Benoni hat gesagt…

@ Tiberius

Aber immerhin _entdecke_ ich langsam diesen großen Schatz. Und das empfinde ich schon als große Gnade. Also nicht nur wütend, sondern auch demütig & dankbar.

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