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Mittwoch, 2. Februar 2011

Prelest

Ein viel verwendeter Begriff der Orthodoxie, der in der lateinischen Westkirche leider gar keine Entsprechung besitzt, ist "Prelest[Прелесt]". Das ist Kirchenslawisch und meint wörtlich 'All-Schmeichel' und wird in der Bedeutung von Selbstbetrug, Täuschung, religiöse Selbstverblendung, spiritueller Irrtum und so weiter verwendet. "Prelest" ist bei uns derart unbekannt, dass es noch nicht mal zu einem Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia gereicht hat. Der russische Eintrag findet sich hier. [Detail am Rande, der Name 'Gollum' aus 'Herr der Ringe' ist die wörtliche englische Übersetzung des slawischen Prelest.]

Die Orthodoxie sieht seit jeher spirituelle Nüchternheit als großen geistigen Nutzen und Prelest ist das genaue Gegenteil davon, also das intensive Gefühl, das einem Beispielsweise das Trachten des Fleisches -d.h. der Wunsch nach den Dingen dieser Welt- bereitet oder die fälschlich so genannte Erkenntnis , mit der gerade religiöse Menschen sich oft einer selbst zusammengebastelten Illusion unterwerfen und selbige nicht als Teil der Krankheit, sondern als Weg zur Gesundheit ansehen.

Prelest ist für geistige Menschen eine tückische Falle und die Starzen behaupten, die Quelle von Prelest sei die Unbußfertigkeit. Je mehr wir uns auf unserem geistigen Weg anstrengen und je weniger wir bereit sind, in Demut uns unsere eigenen Täuschungen einzugestehen, desto eher werden wir uns anmaßen, unsere eigenen Gedanken, Wünsche & Absichten als die von der hl. Schrift gewollte Lehre zu bezeichnen. Prelest ist so gesehen der Ehrgeiz, außerhalb der Schriften der Kirchenväter, der Tradition und des Lehramtes eine eigene Wahrheit zu finden. Die Starzen sagen, ein untrügliches Zeichen von Prelest sei es, wenn jemand nicht mehr an den Sakramenten der Kirche teilnimmt, die Lehre der Väter ablehnt, zum 'leeren' puren Gebet nicht fähig ist, in den Dingen dieser Welt verhaftet bleibt, keine Demut besitzt, kein Gehorsam leisten kann und so weiter.

Prelest ist der geistiger Kampf zwischen Lüge und Wahrheit. Wichtig ist, wir alle leben in Prelest und der Glaube, nur man selber sei frei davon, während der gesammelte Rest im prelestischen Morast feststeckt, ist ein untrügliches Zeichen, dass man selber zu 100% der Prelest verfallen ist. [Eine Randbemerkung, Prelest findet seinen Weg zu unserer Seele vor allem über die Bilder & Vorstellungen aus der Emotion und je mehr ich mich damit beschäftige, desto eher neige ich dazu, die diversen charismatischen Bewegungen a bissserl kritischer zu sehen - ohne das in irgendeiner Form verurteilen zu wollen. Ich weiß, dass dort viele Menschen zum Glauben an den HErrn gefunden haben, andererseits geschieht dort imho auch viel verwirrendes.]

Prelest gibt weder Sanfmut, noch Stille & Liebe, noch nimmt sie die Angst. An der Wirkung kann man sie erkennen. Prelest kann viele Formen annehmen und ein sicheres Mittel gegen sie ist Askese, Demut & Buße.

Jesus hat uns ganz am Anfang seiner Verkündigung in Galiläa vor allem anderen geboten, Buße zu tun: Von da an begann Jesus zu verkündigen und zu sprechen: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen! Ich glaube, wir haben bis heute weder verstanden noch praktizieren es, was er damit gemeint hat.

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