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Donnerstag, 3. Februar 2011

Zeichenhaftigkeit priesterlicher Existenz: Rechteckige Schuhe

Alexander Kissler verteidigt das Zölibat klugerweise nicht mit theologischen Argumenten, sondern mit der Zeichenhaftigkeit der priesterlichen Existenz, der sozusagen als radikaler Gegenentwurf zur Logik der Welt fungiert. Gutes Argument.

Nur stimmt das wirklich? Die evangelikalen Gemeinschaften ohne Zölibat  boomen, die katholische Kirche mit Zölibat besteht nur noch aus mehr oder weniger Karteileichen; zugegebenermassen aus weniger Karteileichen als die evangelischen Landeskirchen, aber im Vergleich zur jeder Freikirche totelt es in der katholischen Kirche. Die Evangelikalen betreiben überall massiv Mission und das mit großem Erfolg, zölibatäre Priester fallen dagegen eher nicht als überzeugende Verkünder des Glaubens auf, sondern als harmlose Verwalter eines Amtes, was sie ja auch sind. 

Sieht man ehrlich auf die Zeichen der zölibatären Weltpriester heutzutage in Deutschland, muss ich immer an die rechteckigen Schuhe vom Pfarrer meiner alten Gemeinde denken und das niemand rechteckige Schuhe einfach so durch Zufall trägt, sondern dass das eine bewusst-modisch-ästhetische Entscheidung ist, keine normalen Schuhe zu tragen, sondern eben rechteckige. 

Das sind Zeichen, die mir auffallen, die Ehelosigkeit dagegen nicht. Ich glaube, 50% der Menschen leben inzwischen ehelos, warum sollte da die Ehelosigkeit der Priester noch ein besonderes Zeichen sein?

Kommentare:

Braut des Lammes hat gesagt…

Weil sie nicht einfach Ehelosigkeit ist, sondern Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen – ein Verweis auf das kommende Leben und auf die Hoffnung darauf. Beim Priester ist diese eschatologische Dimension durch die Klerikerkleidung auch äußerlich sichtbar, und sei es nur als ein Stein des Anstoßes in den Augen der Welt.

Iris Kammerer hat gesagt…

Sie wird sogar ein ganz besonderes Zeichen, weil die ledigen "Normalen" meistens unfreiwillig ledig sind (von überzeugten Singles, d.h. bindungsunwilligen Menschen, mal abgesehen) - der priesterliche Zölibat hingegen ist eine höchst freiwillige Bindung an Christus in seiner Nachfolge. Das steht quer zu jedem Zeitgeist - und genau darum geht es doch! :-)

Um Paulus zu zitieren:
Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen.
Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen.
So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.
Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt. (1Ko 7, 32-35)

Braut des Lammes hat gesagt…

Und noch ein kleiner Nachtrag: während der Ehelose jederzeit frei ist, seine Entscheidung zu ändern, bindet sich der um des Himmelreiches willen, dessen Gelübde nicht privat ist (also eines, das die Kirche öffentlich entgegennimmt) auf immer.

Benjamin Benoni hat gesagt…

@ Barut des Lammes:

Das eine besondere Form der Nachfolge in den drei apostolischen Räten der Armut, der Keuschheit und des Gehorsames gibt, sehe ich genauso. Nur halte ich die Ehelosigkeit des Weltpriesters für ein akzidentiell, weil es sonst keine verheiratete katholische Priester geben dürfte! Aber sie gibt es. Leben die weniger 'zeichenhaft' als die zölibatären Priester? Ich glaube nicht. Ich werde gleich noch mal was dazu schreiben, aber die 'Ehelosigkeit um des Himmelsreich willen' macht meiner Ansicht nach für Weltpriester nicht den Kern ihres Daseins aus. Anderenfalls würden nicht 21 von 22 Teilkirchen der katholischen Kirche das Zölibat in der römischen Form nicht kennen. Ich halte das Zölibat auch für wichtig, aber ich werde es nicht mit der Verbissenheit verteidigen, wie es derzeit geschieht. Da begibt man sich nur auf ein Nebenkriegsschauplatz, wo man nur verlieren kann.

Benjamin Benoni hat gesagt…

@ Iris Kammerer

Ich würde das Zölibat niemals biblisch begründen, da begibt man sich nur auf Glatteis, etwa wegen 1. Kor. 7,2 oder 1. Tim. 3, 2-4. Das Zölibat als verpflichtende & generelle 'Ehelosigkeit' von Weltpriestern ist nicht biblisch. Punkt. Das steht für mich fest.

Das macht nichts, weil es eine apostolische Tradition und Überlieferung gibt, wo die Keuschheit in und außerhalb der Ehe eine große Rolle spielt, aber man sollte Vorsicht walten lassen, wie man argumentiert. Kissler macht das gut, weil er sich erst gar nicht auf theologische Argumente einlässt.

Du hast beim Paulus-Zitat die Einleitung ausgelassen 'was die Frage der Ehelosigkeit angeht, so habe ich keinen Gebot vom Herrn'. Das wird dir bei jeder WisiKi-Diskussion um die Ohren gehauen und wenn man wirklich biblisch argumentieren will, muss man das akzeptieren.

Zum @ La Penseur schreibe ich noch was, aber später, jetzt muss ich erst in die Puschen kommen,

Freude im HErrn

Braut des Lammes hat gesagt…

Der heilige Pauls fährt an dieser Stelle fort: …ich gebe euch nur einen Rat. Einem guten Rat kann man folgen, wenn er von einer vertrauenswürdigen Person kommt.

Iris Kammerer hat gesagt…

@Benjamin Bononi
1Ko 7,2 kann nur dann als Gegenargument angenommen werden, wenn man es aus dem Gesamtzusammenhang reißt, der die Antwort auf eine Frage ist. Mitten in dieser Antwort kommt dann der Stoßseufzer: "Ich wünschte, alle Menschen wären (unverheiratet) wie ich. Doch jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so." (1Ko 7,7)

Als alte Literaturwissenschaftlerin bin ich immer wieder verblüfft, wie diese Texte zerhackt und Zitate aus ihrem Kontext gerissen werden, um Argumente zu bedienen. Insgesamt ist Paulus' erster Korintherbrief ein didaktisch klug strukturierter Lehrtext, der jede, der an ihn gestellten Fragen argumentativ beantwortet.
Und die Tatsache, dass er zu Keuschheit und Ehelosigkeit abrät, ist nicht Leibfeindlichkeit, sondern Anregung zur vollkommenen Hingabe - übrigens: an Männer und Frauen gleichermaßen.

Den Timotheusbrief kann man nicht ohne den historischen Kontext gerade erst sich entfaltender christlicher Gemeinden lesen. Damals war es nun einmal eine Tatsache, dass nahezu (!) jedermann verheiratet war (von Einzelfällen, aber auch von den auch aus römischer Sicht gelegentlich arg verlotterten Sitten in der Oberschicht mal abgesehen). Ansonsten hätten nur Knaben die apostolisch Nachfolge antreten können. Anfänge sind auch Übergangszustände!

Da der Verfasser des ersten Timotheusbriefes und der des ersten Korintherbriefes identisch sind, ist nicht anzunehmen, dass er sich Timotheus gegenüber grundsätzlich anders über Ehe und Ehelosigkeit geäußert hätte als gegenüber der Gemeinde in Korinth. Es ist wirklich nicht anzunehmen, dass Paulus in diesen Fragen sein Fähnchen nach dem Wind gehängt hätte.

Er musst erst einmal mit Tatsachen arbeiten. Aber sein Rat geht in die Zukunft, an künftige Generationen. An uns!

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